Tuberkulose nimmt auch im Landkreis Aurich weiter zu

Tuberkulose nimmt auch im Landkreis Aurich weiter zu

Gesundheitsamt setzt auf verstärkte Information

Tuberkulose ist eine Krankheit, die schon fast aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwunden war.  Bundesweit nimmt die Zahl der Erkrankungen allerdings wieder zu - und auch im Landkreis Aurich ist ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. „Es hat bei uns in den vergangenen Jahren eine Verdoppelung der Tuberkulose-Fallzahlen gegeben“, erklärt die Leiterin des Kreis-Gesundheitsamtes, Prof. Dr. Doris Bredthauer.

Waren es im Landkreis Aurich 2014 noch fünf Tuberkuloseerkrankungen gewesen, stieg die Zahl schon 2015 auf zehn und im  vergangenen Jahr auf neun Fälle an und entspricht damit der aktuell gestiegenen Rate auf 5,3 Erkrankten/100.000 Einwohner in Niedersachsen. In diesem Jahr werde eine noch höhere Fallzahl erwartet, wie die Bilanz des ersten Halbjahres bereits zeigt.  Einen wesentlichen Grund für diese Entwicklung sieht die Medizinerin in den Migrationsbewegungen der jüngsten Vergangenheit: „Sie stellen uns in mehrfacher Hinsicht  vor eine besondere Herausforderung“   Etwa 90 Prozent der Betroffenen seien Migranten. Grundsätzlich gelte: Je ärmer das Herkunftsland des oder der Geflüchteten, desto größer sei das Risiko, an Tuberkulose zu erkranken.

Aber nicht nur die von den Strapazen der Flucht geschwächten Flüchtlinge sind besonders gefährdet. So habe Tuberkulose auch eine erhebliche soziale Komponente und betreffe gleichfalls Menschen, die in Armut leben, Obdachlose und oft auch Drogenabhängige. Die Bevölkerung müsse darum wieder stärker für das Thema Tuberkulose sensibilisiert werden, ist sich Bredthauer mit Landrat Harm-Uwe Weber einig. „Mehr über die Krankheit und ihre Symptome zu wissen, ist die beste Vorbeugung.“

Beide setzen auf verstärkte Information der Öffentlichkeit und warnen zugleich eindringlich vor Panikmache, denn Ansteckungsgefahr bestehe erst dann, wenn nach Infektion die Erkrankung aktiv ausbreche. Dies sei aber nur bei ca. 10% der Infizierten der Fall.  Bleibe die Tuberkulose allerdings aufgrund ihres im Anfangsstadium vergleichsweise unspezifischen Verlaufs unentdeckt, steige nicht nur die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung, sondern auch das Ansteckungspotenzial für Personen aus dem Umfeld des Erkrankten. Hier ist Aufklärung und Fortbildung zu leisten, in der Bevölkerung und in der Ärzteschaft gleichermaßen: Bei längerdauerndem Husten etwa, unklarem Fieber, Abgeschlagenheit und Fluchtanamnese „dran denken“, dass es sich um eine Tuberkulose handeln könne, sei laut Bredthauer das „A und O“ der Früherkennung, Behandlung und Prävention.

Laut dem Robert Koch-Institut sind im Jahr 2016 deutschlandweit 5915 Menschen an Tuberkulose erkrankt. Damit liegt die Zahl der Neuerkrankungen deutlich über den Zahlen von 2014 und 2013. „Wir lagen mit unseren Erkrankungsfällen bundesweit 2016 wieder so hoch wie zuletzt vor zehn Jahren“, stellt Bredthauer fest. Und auch in diesem Jahr ist die geschätzte Zahl der Neuerkrankungen erneut nach oben gegangen. Im Landkreis Aurich hat es 2017 bislang fünf Erkrankungen und vier Verdachtsfälle gegeben, deren Befunde noch ausstehen. Ein Grund dafür: „Erst jetzt erkranken die Flüchtlinge, die sich meist schon in ihrer Heimat und auf der Flucht infiziert haben“, erklärt Bredthauer. Die Erkrankungswahrscheinlichkeit ist in den ersten ein bis drei Jahren nach einer Infektion mit Tuberkelbakterien am größten. Dennoch gibt es keinen Grund zur Panik. Die Erkrankung geschieht schleichend und es bedarf mehrerer Faktoren, um sich bei einem Erkrankten anzustecken: Die Menge der Erreger pro Tröpfchen Auswurf, die Intensität und Dauer der Exposition und auch die Immunabwehrlage der Kontaktperson sind entscheidend.

Für die Gesundheitsämter bedeuten die gestiegenen Fallzahlen jede Menge Arbeit – nicht nur in den besonders betroffenen Ballungszentren. So haben sich die Kontakte und Beratungen im Landkreis Aurich innerhalb von zwei  Jahren verdoppelt. Die Zahl der sogenannten Umgebungsuntersuchungen lag im ersten Halbjahr 2017 mit insgesamt 140 sogar schon fast achtmal so hoch wie vor drei Jahren, als es lediglich 18 Umgebungsuntersuchungen pro Jahr waren. Bei diesen aufwendigen Untersuchungen werden beispielsweise Kontaktpersonen und Ansteckungsverdächtige gesucht. „Das ist oftmals eine Si­sy­phus­ar­beit“, sagt Bredthauer, da bis zu einem Zeitraum von sechs Monaten rückwärtig recherchiert werden muss. Sprachprobleme und auch die kulturell bedingten Unterschiede im Umgang mit Krankheit und Behandlung machen es den Gesundheitsamts-mitarbeiterinnen und -mitarbeitern zusätzlich schwer.

Besonderes Problem: Viele Patienten aus den besonders von Tuberkulose betroffenen Ländern entwickeln aufgrund der fehlenden oder unzureichenden Behandlung multiresistente Bakterien.  Das wiederum macht die Behandlung besonders aufwendig und langwierig.  Das Amt für Gesundheitswesen überwacht die erforderlichen Therapien und führt engmaschige Kontrollen durch, sagt Bredthauer, die zusätzlichen personellen Bedarf sieht. Denn auch der Bedarf an Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Tuberkulose sei enorm, wie die Amtsleiterin durch die stark gestiegene Zahl an entsprechenden Anfragen weiß. „Es gibt eben viele Fragen, die wir beantworten wollen und müssen, um einer Ausbreitung der Tuberkulose entgegenzuwirken“, hebt die Amtsleiterin hervor.