Orden für Brückenschlag zwischen ostfriesischer und jüdischer Kultur

Orden für Brückenschlag zwischen ostfriesischer und jüdischer Kultur

Wolfgang Freitag, Ricardo Fuhrmann und Daniel Jelin geehrt

Wegen Ihrer Verdienste um die Völkerverständigung sind Wolfgang Freitag (Aurich) sowie Ricardo Fuhrmann und Daniel Jelin aus Norden mit dem Verdienstkreuz am Bande des Landes Niedersachsen ausgezeichnet worden. „Sie haben Beispielhaftes geleistet“, sagte Landrat Harm-Uwe Weber bei der Ordensverleihung im Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft.

Es gebe einen guten Grund für die gemeinsame Ehrung, machte Weber deutlich. So sei die Realisierung der „Ostfriesland-Haggadah“ von Fuhrmann und Jelin ohne den umfassenden Einsatz von Wolfgang Freitag kaum zu realisieren gewesen. „So aber wurde gemeinsam etwas Einzigartiges für unsere Region geschaffen“, betonte der Landrat: „Es wurde der Brückenschlag zwischen ostfriesischer und jüdischer Kultur gewagt und gezeigt, dass jüdische Kultur hier bei uns nach dem Zweiten Weltkrieg wieder möglich ist.“

Auch in der Gegenwart gebe es deutsch-jüdisches Zusammenleben in Ostfriesland, bekräftigte der Landtagsabgeordnete Wiard Siebels. Mit der Ostfriesland-Haggadah würden das Bewusstsein dafür und der Respekt zwischen den Kulturen gefördert. Dadurch sei die Haggadah von Fuhrmann und Jelin ein wichtiger Beitrag zu einer positiven ostfriesisch-jüdischen Zukunft.

Die Untaten der Nazis dürften niemals vergessen oder verharmlost werden, hob Landrat Weber hervor. Gerade in Zeiten, in denen nationalistische Töne durch Parteien wie die AfD, aber auch durch Rechtspopulisten in zahlreichen anderen Ländern offensichtlich wieder salonfähig würden, brauche man Mahner und Menschen, die sich für Versöhnung und Verständigung einsetzen, anstatt leichtfertig oder sogar mit politischem Kalkül Ressentiments zu schüren – gegen Flüchtlinge und Andersdenkende und immer wieder auch gegen Juden. „Wir brauchen Menschen wie Wolfgang Freitag, Ricardo Fuhrmann und Daniel Jelin“, sagte Weber.

Der Name Wolfgang Freitag stehe in Aurich geradezu als Synonym für die Begegnung der ehemaligen Auricher Juden mit ihrer früheren Heimat. Seit mehr als drei Jahrzehnten engagiert sich der heute 69-Jährige in der hiesigen Region für die deutsch-israelischen Beziehungen und die Versöhnung mit den emigrierten ostfriesischen Ju­den. 1989 wurde - ebenfalls auf seine Initiative - die Arbeitsgemeinschaft der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) in der Region Ostfriesland gegründet, der Wolfgang Freitag seither vorsteht. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Tätigkeit war die Unterstützung und Begleitung der Ostfriesland-Haggadah der beiden Künstler Ricardo Fuhrmann und David Jelin.

Fuhrmann wurde 1959 in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires geboren - als Sohn einer aus Emden stammenden Familie, die 1938 vor dem Nazi-Terror geflohen war. Seit 1993 lebt und arbeitet er in Norden. Jelin wurde 1957 ebenfalls in Buenos Aires geboren, wo er auch studiert hat. Er lebt heute in Norden, ist Theaterpädagoge, Regisseur und Schauspieler, Kinderbuchautor und bildendender Künstler.

Nach eigener Idee und dann im Auftrag der DIG in der Region Ostfriesland haben Fuhrmann und Jelin von 2011 bis 2013 eine Werksamm­lung von insgesamt 51 Kunstwerken unterschiedlicher Techniken konzipiert und geschaffen. Diese erzählen den Auszug der Israeliten aus Ägypten und die Befreiung aus der Sklaverei nach. Das Projekt der „Ostfriesland-Haggadah“ wurde 2014 sogar in der Knesset, dem israelischen Parlament, vorgestellt. „Es ist ein Buch über die Freiheit und die Suche nach Identität“, erklärte Fuhrmann den Gästen im Ständesaal bei seiner Dankesrede.

2015 wurde eine „Ostfriesland-Haggadah" als zeitgenössisches Künstlerbuch auch in gedruckter Form veröffentlicht, dessen Herausgeber wiederum Wolfgang Freitag ist. Er ließ sich von Anfang an von der Idee der „Ostfriesland-Haggadah“ begeistern, kümmerte sich um Sponsoren und Spender und machte die Umsetzung der Ausstellung sowie der Buchausgabe möglich.

Nicht nur für Juden, sondern für ganz Deutschland könne dieses Buch ein echter Leuchtturm werden, habe Freitag  einmal gesagt, so Weber. Denn die Kraft dieser Geschichte vom Exodus der Israeliten sei eine universelle Botschaft, ein Versprechen von Freiheit und Selbstbestimmung. Was gebe es Schöneres: „Diesen Sätzen ist nichts hinzuzufügen“, meinte der Landrat.